Morrissey und das deutsche Pressewesen

In Deutschland beklagt der Bürger eine angebliche "Lügenpresse". Tatsächlich geht das Problem deutscher Medien jedoch viel tiefer. Es geht auch nicht um übertriebene  Nachrichten, sondern um gemachte Meinungen.

Morrissey und das deutsche Pressewesen

Echte Journalisten scheint es kaum noch zu geben, Aktivisten haben die Redaktionen gekapert und diktieren Meinungen, politische Ansichten und gesellschaftlichen Umgang.

In Deutschland beklagt der Bürger eine angebliche „Lügenpresse“. Tatsächlich geht das Problem deutscher Medien jedoch viel tiefer. Es geht auch nicht um übertriebene  Nachrichten, sondern um gemachte Meinungen.

Wenn Autoren wie Jens Balzer dem Volk einen expliziten Umgang mit kritischen Künstlern diktieren, scheint die Subjektivität bereits perdue.

E- oder U-Journalismus?

Balzer beklagt die Frechheit einiger unkritischer Konsumenten, auch noch nach Skandalen zu ihren umstrittenen Helden zu halten. Wer sich nämlich trotz Kontroversen erdreistet, sich gar mit dem Stoßseufzer „das wird man ja wohl noch hören dürfen“ rechtfertigen zu wollen, ist nicht besser als der dummdeutsche Durchschnittsnazi und sollte sich dann konsequenterweise auch gleich bei Pegida einreihen. Oder wenigstens der AfD beim Plakatkleben helfen. Und wer sich als Fan des „Lieblingssoulsänger der Deutschen“, nämlich Xavier Naidoo bekennt, ist eigentlich ein verkappter NPD-Fanboy, steht insgeheim Verschwörungstheoretikern nahe und sollte endlich einen Aluhut tragen.
Für Balzer ist dabei völlig klar, dass ein böser Mensch auch nichts Gutes produzieren kann und es ist deshalb völlig klar, „dass Naidoos verkrampftes Geknödel alles Mögliche ist, aber keine ernstzunehmende Kunst.“
Wer die Gelegenheit, reichweitenstarker Publikationen nutzen zu dürfen dazu mißbraucht, um Existenzen vernichten und gegen freie Ansichten und konträre Meinungen hetzt, ist vielleicht auch alles Mögliche – aber keinesfalls ein ernstzunehmender Journalist.

Aber dem Jens Balzer scheint es ja auch überhaupt nicht um eine Form des ernstzunehmenden Journalismus zu gehen. Dann hätte er unter anderem erst einmal gründlich Englisch gelernt, bevor er einen Engländer interpretiert hätte. Nach Naidoo nahm sich Balzer nämlich Morrissey vor. Wäre doch Morrissey bloß im Bett geblieben, wie er es in „Spent the Day in Bed“ (einem seiner neuen Songs der LP „Low in High School“) bekundete – und „hätte dieser nicht kurz nach dem Erscheinen des Werks seine aktuellen politischen Ansichten in einem Interview ausführlich dargelegt“. Hätte, hätte, Herrentoilette. Hätte man doch schon  1994 Morrisseys „Lazy Sunbathers“ richtig interpretiert, hätte man „Spent the Day in Bed“ auch interpretieren können.

Nur in Diktaturen Usus

Zumindest hätte sich dann Morrissey durch Vermeidung dieses besagten „Spiegel-Interview“ die Erkenntnis sparen können, dass viele deutsche Journalisten englische Texte wohlfeil übersetzen können, jedoch für eine sachliche Interpretation über keinerlei Kompetenz und Erfahrung verfügen. Wenn dieses Urteil fehlschlägt, kann es nur an einer ideologischen Absicht liegen. Anders erklärt es sich nicht, weshalb Spiegel-Reporterin Juliane Liebert aus der Weigerung des Musikers, Medienberichten uneingeschränkten Glauben zu schenken, Sympathien für Sexisten und Päderasten heraushört. Wer einem Künstler unterstellt, die kontroversen Bezüge seiner Kunst sich Eigen machen zu müssen, begeht die totalitäre Unverschämtheit, von der Kunst eine Unterwerfung zu fordern. Eine Unterwerfung vor einer Ideologie; zugunsten einer Meinung, Haltung, einer political Correctness. Nur in Diktaturen dient die Kunst ausschliesslich der Doktrie – Abweichler müssen verfolgt werden.

In dieser Konsequenz erklärt Julian Dörr auf SZ-Online unter der einfaltslosen, spröden Überschrift „Morrissey ist ein alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker“ die Feindbilder, wenn der Verschwörungspraktiker da schlußfolgert: „All das sollte aber nun nicht als verzweifeltes Um-sich-Schnappen eines notorischen Provokateurs interpretiert werden. Auf keinen Fall. Da inszeniert sich jemand ganz gezielt als Apologet des Rechtspopulismus.“ Klar  – wer sich dann, wie eben Morrissey, auch noch wünscht, dass trotz Gleichmacherdiktatur wenigstens die kulturelle Identität der Nationalstaaten gewahrt werden sollte, der ist für diese Kulturpessimisten eben mindestens ein Kulturfaschist.

Als können ein Schriftsteller, der in seiner Kunst einen Faschisten darstellt, „irgendwie, also quasi“ selbst nicht weniger als ein Durchschnittsfaschist sein. Das wäre ja, als wenn – da war doch auch etwas. Richtig! Georg Diez hat sich vor fünf Jahren publizistische Meriten erworben, als er dem Schriftsteller Christian Kracht im SPIEGEL (wo sonst) faschistische Motivationen vorwarf; aufgrund der Charakterisierung des Helden seines Romans „Imperium“.

Um anschließend wieder Morrisseys aktuelle Single „Spent The Day In Bed“ gründlich fehl zu interpretieren. Die dort empfohlene Medienkritik und der Rat, lieber zu entspannen als sich von schlechten Nachrichten aufzuhetzen zu lassen, empfindet Rezensent Dörr als Verschwörungskritik. Wer so argumentiere, so der Medienmann, „der sitzt eigentlich schon neben Götz Kubitschek.“ Schlimmer noch – der Autor will auf „Low in High School“ sogar „rechtspopulistische Kampfbegriffe“ gehört haben. Süddeutsche Zeitung!

Zumindest verspricht der kursive Nachtrag, am Ende des Artikels, endgültige Klarheit: In einer früheren Version des Artikels, so heißt es dort, wurde ein Wort des Songtextes falsch übersetzt, „“Echelon“ meint eine Abteilung oder Klasse, kein Spionagenetzwerk. Das wurde geändert.“
Sollte keiner meinen, Vorurteile könnten nicht auch produktiv genutzt werden.MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

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