Philipp tanzt den Holocaust

Rechtspopulist Björn Höcke will kein "Denkmal der Schande" - nun hat er es vor dem eigenen Schlafzimmerfenster, als Nachbau eines politischen Künstlerkollektivs. Die einzige vernünftige Art, mit solchen Leuten zu kommunizieren - sagen die Einen. Eine geschmacklose Profilierung auf den Gräbern von Toten - sagen die Anderen.

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) provoziert populistisch einen rechtsextremen Populisten. Allerdings nicht mit antifaschistischer „Handarbeit“, die sowohl aus politischen, demokratischen und humanistischen Gründen grundsätzlich abzulehnen ist, sondern durch Kunst. Und Kunst ist ausdrücklich zu begrüßen. Die Aktivisten um Philipp Ruch, den künstlerischen Leiter des ZPS, bauten eine Miniatur des Berliner Holocaust-Mahnmal – dunkle Stelen aus Beton, direkt neben dem Privatgrundstück des AfD-Rechtspopulisten Björn Höcke im thüringischen Eichsfeld.

Rechtspopulist Björn Höcke will kein „Denkmal der Schande“ – nun hat er es vor dem eigenen Schlafzimmerfenster, als Nachbau eines politischen Künstlerkollektivs. Die einzige vernünftige Art, mit solchen Leuten zu kommunizieren – sagen die Einen. Eine geschmacklose Profilierung auf den Gräbern von Toten – sagen die Anderen.

Höcke provozierte im vergangenen Jahr in Dresden mit der Aussage, die Deutschen wären „das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.
Paradoxerweise wurde sich über die Bezeichnung „Denkmal der Schande“ aufgeregt – die wesentlich schlimmere Tatsache, die Notwendigkeit des Denkmals überhaupt in Frage zu stellen, schien dabei unerheblich. Dabei war die Bezeichnung des Denkmals einer „Schande“ das einzig Richtige an jenem Satz, schliesslich ist der Holocaust ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmasses und noch viel mehr als eine „Schande“. Umso wichtiger ist das Bewusstsein und die Erinnerung an dieses Jahrtausendverbrechen, wie kompliziert, unförmig, monströs und bedrückend dieses Mahnmal auch ist. Und in der Tat: Dieses Volk ist das einzige dieser Welt, das diesen millionenfachen Massenmord zu verantworten hat – und in dieser historischen Verantwortung diesen Denkmal errichtet hat. Und das auf diese Leistung keinesfalls stolz sein sollte.

mahnender Zweck entfremdet?

Die Aktion, finanziert aus Spenden, war äußerst aufwendig. Ein Nachbargrundstück des AfD-Politikers wurde von der Gruppe angemietet, die ganze Aktion sehr konspirativ und langwierig. Ein sicheres Zeichen, dass es ZPS vordergründig um Aktionen geht, die durchaus über künstlerischen Anspruch verfügen. Verdammt viel Arbeit und Geld für wenige Minuten Publicity. Und der künstlerische Zweck dieser Aktion ist fantastisch: Der – offensichtliche – Verharmloser und Verdränger, der aus ideologischen Gründen eine historische Schuld relativieren muss, will das Denkmal dieser Schuld nicht sehen – und wird förmlich gezwungen, hin zu sehen. Philipp Ruch liess förmlich einige Stelen aus Berlin Höcke bis nach Thüringen verfolgen – damit sich Höcke dort endlich zu diesem Mahnmal und der historischen Schuld Deutschlands bekennt. Dann, nur dann, würden die Stelen auch wieder verschwinden; fast so schnell, wie sie gekommen sind. Heißt es, unter anderem.
Nur: Darf man das? Einfach so, ungefragt, einen bedeutenden Zweck einfach so zweckentfremden?
Und so, förmlich, auf den Gräbern der Toten herumtanzen? Darf man das?

Das Wesentliche

Deshalb finden auch kritische Stimmen, dieser Nachbau des „Zentrums für Politische Schönheit“ gehe absolut zu weit.
Auch wenn der Hintergrund dieser Aktion grundsätzlich durchaus ein richtiger Weg der politischen Auseinandersetzung ist, geht es um vieles – nur nicht um das Wesentliche. Es geht um die vermeintlich gute Tat der Aktivisten, die natürlich völlig bewusst mediengeile Populisten sind, und es geht um die Provokationen des Rechtspopulisten.
Um das Gedenken an die Millionen ermordete Juden geht es nicht.


 

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