Kult kommt von Kultur

Kult kommt von Kultur

Hamburger Heimatindustrielle planten den Verrat – das Alsterwasser, ein Kultgetränk des Nordens, sollte umbenannt und somit gesamtdeutsch profanisiert werden. Ein Ansinnen, das Ärger und Proteste provozierte.

In Zeiten der Globalisierung, in denen zu Recht nationale Werte durch unverfängliche „Kult-Identitäten“ vertreten werden, wird umso energischer an diesem sogenannten Kult festgehalten. Warum eigentlich?

Eine Frage regionaler Kultur

Der Hamburger Bierbrauer Astra war bisheriger Hersteller eines profanen Bier-Mischgetränkes, das unter dem Namen „Alsterwasser“ vertrieben wurde. Seither wurde mit dem Ruf nach einem Alsterwasser ein Glas Halb-und-Halb, also ein halbes Glas Pilsener, gemischt mit mehreren Schuss Zitronenlimonade, bestellt. Ein Mix, den es überall dort gibt, wo naturgemäß Bier zu haben ist. In Bayern und Österreich unter dem Begriff „Radler“ ein fester Bestandteil gesellschaftskultureller Tradition und auch bis hoch hinter Hannover geläufig für dieses Biermixgetränk, daß in Hamburg eben unter dem Namen „Alster“ geläufig ist. Ein echtes Alster, so trüb wie das gleichnamige Hamburger Gewässer. Und nur ein „Alster“ ist es, wenn es mit echtem Hamburger Pils gezapft wurde, von Holsten oder eben von Astra.
Diesen Verrätern.
Sollte es nach autonomen Bierfreunden im Schanzenviertel gehen, hätte man Astra eigentlich längst schon enteignet. Am Millerntor in St.Pauli, so raunen es sich die Bahnpendler zwischen Hamburg und Lübeck zu, würde man damit beginnen, die Astra-Humpen zu verbannen. Ausgerechnet. Astra, dieses Stück Ur-Sankt-Pauli.
Dabei ist Astra heute eigentlich nicht mehr als eine Marke des Carlsberg-Konzerns. Und für diesen skandinavischen Großkonzern gehört der norddeutsche Markt zu den geringeren. Außerdem hatten die Kopenhagener auch nicht vor, ihr Stammpublikum zu verprellen oder zu verärgern. Der Begriff „Kiezmische“ soll weiterhin über das Produkt popularisiert werden. Und außerdem, aus Gründen überregionaler Erkennung, eben nicht mehr „Alsterwasser“, sondern „Radler-Mixgetränk“.

Ausgerechnet im Ruhrgebiet

geht man mit diesem Thema pragmatischer um. Dort wird als „Alsterwasser“ die mit Zitronenlimonade versetzte Mischung bezeichnet, als ein „Radler“ hingegen Orangenlimonaden-Mischungen.
Eine Praxis, die eigentlich auch von der Hamburger Traditionsbrauerei kommerzialisiert werden könnte. Doch die Hamburger verliessen sich auf die Crowd und starteten über soziale Kanäle eine (zumindest theoretisch) basisdemokratische Umfrage, wie dieses Gesöff, zum Teufel, jetzt weiterhin genannt werden soll. Astra ruderte anschließend wieder zurück, die Fans hatten mit überwältigender Meinung. Das „Alsterwasser“ wird auch künftig weiterhin „Alsterwasser“ heißen; allerdings mit dem Zusatz „Kiezmische“.
Naja, was soll´s. Vielleicht hat es Hamburg auch nicht anders verdient.

Nachdem die Seefahrt hin ist, bleibt nur noch der Kiez.

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Jack
Gast

Is´ aber auch eine Gemeinheit, dass am norddeutschen Lokalkolorit ständig irgendetwas demontiert wird. Das liegt an den ganzen Schwaben und Franken, die sich hier breit machen. Syrer sind mir da wesentlich lieber.

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