Katzenjammer um Pacific Palisades

Katzenjammer um Pacific Palisades

Katzenjammer um Pacific Palisades


In Los Angeles, sogar an der gesamten US-amerikanischen Westküste vergessen ist die deutsche Intellektuellenszene der dreißiger und vierziger Jahre. Eine Ära die, zumindest für amerikanische Verhältnisse, offenbar zu unbedeutend war.

Feuchtwanger, Brecht, Schoenberg und natürlich die Gebrüder Mann blieben an der Pazifikküste eher unter sich und neideten sich gegenseitig das Maß ihrer Bedeutung; was in Deutschland natürlich niemand nur annähernd einsehen möchte. Die amerikanische Literatur hatte von den deutschen Exilanten in etwa so viel wie Hollywood vom Drehbuchautoren Heinrich Mann – sehr, sehr wenig.

Katzenjammer für vergessenes Zentrum deutscher Exilanten

Wenige Autominuten entfernt von Santa Monica kommt man in das eher beschaulich-ruhige Örtchen Pacific Palisades. Dort verschlug es Thomas Mann auf seiner Flucht vor den Nazis, nach eher kurzer Station und Gastprofessur in Princeton. Durch Vermittlung von Agnes Meyer liess er sich hier 1942 eine opulente Villa bauen, für sich und seine Familie. Bruder Heinrich Mann mietete in Santa Monica ein bescheideneres Haus; er hatte ja keine Familie, nur eine Geliebte (und spätere Ehefrau) aus Ahrensbök.
In der Villa am San Remo Drive kamen viele zusammen, dort ist sehr viel passiert. Es sind dort große Werke entstanden: „der letzte Teil von „Josef und seine Brüder“, außerdem „Lotte in Weimar“ und, nicht zuletzt, „Dr. Faustus“. Dort an der frischen Luft der Pazifiks und im angenehmen, warmen Klima fand Thomas Mann Zeit, Ruhe und Muße. Dort wuchsen Enkel auf und wurden Empfänge gegeben. Susan Sonntag schwärmte von der Einrichtung und Architektur des Hauses.

Ein Mann-Zentrum am Pazifik?

Die Tatsache, das die Villa Thomas Mann in Pacific Palisades nun samt Grundstück verkauft und vermutlich abgerissen wird, schockiert deshalb den deutschen Traditionsintellektuellen in seiner sentimentalen, klischee-konservierten Welt. Nach Überwindung der Schockstarre bleibt nur ein gewohnter Reflex: Proteste und Forderungen. So fordern besonders jene, die bisher aus Gründen der eigenen Ideologie Reisen in die USA stets vermieden, dass doch, Bitteschön, die Bundesregierung die 15 Millionen Dollar aufbringen soll, mit der die Villa gerettet werden könnte. „Es wäre ein Jammer, wenn sie abgerissen werden würde“, jault der Direktor der Lübecker Museen, Hans Wißkirchen, in den Lübecker Nachrichten. Schliesslich, so der Thomas-Mann-Experte Heinrich Detering, sei das Haus „so wichtig wie das Goethe-Haus in Frankfurt“.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, Freunde!

Tatsächlich wurde das Gebäude in den letzten Jahrzehnten umfangreich saniert und modernisiert, wie auf den Seiten von curbed, Los Angeles deutlich zu erkennen ist. Zu einem Kauf durch die Bundesregierung wird es, trotz einer „ergebnisoffenen Prüfung“, mit aller Wahrscheinlichkeit nicht kommen. Aber dennoch bleibt Hoffnung: Es soll Kaufinteressenten geben, die das Haus aufgrund der Entstehungsgeschichte erhalten möchten. Doch ein Mann-Museum oder eine entsprechende Gedenkstätte gibt es wohl nicht; es lohnt nicht für die drei bis vier deutschen Intellektuellen, die sich jährlich in Pacific Palisades verirren würden…

REKLAME

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz