Fundstück der Woche: Der Scherz

Der Sailor ist ständig in und um Lübeck auf der Suche nach antiquarischen Fundstücken - ob in öffentlichen Bücherschränken, Bücherstuben oder antiquarischen Buchhandlungen - kein literarisches Exponat von inhaltlicher Größe ist davor gefeit, in die persönliche Sammlung des Sailors aufgenommen zu werden. Unregelmässig werden an dieser Stelle besonders würdige oder unwürdige Funde vorgestellt.

Fundstück der Woche: Der Scherz


Der Sailor ist ständig in und um Lübeck auf der Suche nach antiquarischen Fundstücken – ob in öffentlichen Bücherschränken, Bücherstuben oder antiquarischen Buchhandlungen – kein literarisches Exponat von inhaltlicher Größe ist davor gefeit, in die persönliche Sammlung des Sailors aufgenommen zu werden. Unregelmässig werden an dieser Stelle besonders würdige oder unwürdige Funde vorgestellt.

Heute: Milan Kundera – Der Scherz (Roman als suhrkamp taschenbuch); entdeckt im öffentlichen Bücherschrank Wakenitzufer, Ecke Bleichenweg.

Der musikalische Roman des tschechischen Autors Kundera, erstmals 1968 in Deutschland erschienen, erzählt die Geschichte eines Studenten, der von den Kommunisten im Ostblock bestraft und schliesslich, kurz vor dem Prager Frühling, rehabilitiert wird, dürfte bekannt sein. Das gefundene Exemplar ist jedoch exemplarisch für die Bewohner des Viertels, in der sich der öffentliche Bücherschrank befindet. Hier hat sich doch tatsächlich der vormalige Besitzer; der Handschrift nach eine Frau; Sorgen über etwaige kapitalistische Motive der Büchersammler und -tauscher gemacht.

„Vom Bücherschrank
Wakenitzufer in Lübeck”

heißt es dort. Und weiter:

„Wer hiermit handelt,
lebt verkehrt!”

So der Vermerk auf dem Innenumschlag. Eine Vernichtung dieser Notiz würde das Buch nachhaltig beschädigen. Ein geschickter Schachzug – soviel kann gesagt werden. Und Taschenbücher des Suhrkamp Verlags gelten ja nicht nur als intellektuelles Futter, sondern auch als hochwertige Handelsware auf dem Dritten Büchermarkt.
Schliesslich geht die unbekannte Spenderin noch auf das Umschlagbild des Büchlein ein, nämlich das surrealistische Werk “Les Seins“ des französischen Schriftstellers und Malers Francis Picabia, einem massgeblichen Mitbegründer des herrlichen Dadaismus.
Hier teilt uns die Kommentatorin mit, dass dieses Bild gerade im antiquarischen Pavillon am Mühlentorteller angeboten wird – eine völlig richtige Information, die auf scharfsinniger Beobachtung basiert.
Für das Buch derweil. Herzlichen Dank.

... heißt eigentliche Jean Pierre Hintze und lebt und arbeitet als Journalist, Autor und Schauspieler in Lübeck. Liest am liebsten Kempowski, Hemingway, Hunter S. Thompson und Christian Kracht und schreibt selbst Alltags-, Kultur-, Wirtschaftljournalistisches und Short Stories. Fotografiert und filmt auch. Überzeugter Volksschauspieler auf Set und Bühne.

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