Der Verschwörungskot

Der Verschwörungskot

Der Verschwörungskot


Seit Wochen werden Anwohner einer Siedlung im Lübecker Stadtteil Marli durch einen gelblichen Schmutzfilm beunruhigt, der sich wie Tau auf auf Autos, Fensterscheiben, Dächer und Wäsche legt. Jetzt gab das Lübecker Umweltamt Entwarnung: Es bestehe keine Gefahr für Gesundheit und Leben – es handele sich um Bienenkot. Manche Anwohner wollen diese Beschwichtigungen nicht glauben, aus guten Gründen, wie sie meinen. Doch scheint alles völlig anders…

Während man sich beim Lübecker Umweltamt sicher ist, dass mit dem Ende der Lindenblüte auch der gelbe Dreck verschwindet, gibt sich der Lübecker „Imkerverein von 1884“ skeptisch. Schliesslich müssten bei den vorhandenen Ausmaßen des vorhandenen Schmutzes ganze Bienengeschwader unterwegs gewesen sein. Die Lübecker Imker glauben deshalb nicht dem Untersuchungsergebnis; man vertraut ausschließlich Bienenvölker, die man auch persönlich kennt. Aber auch manche Anwohner halten nichts von den Erkenntnissen des Umweltamtes. Einige glauben, dass es sich um verkappte Fäkalie handelt, die aus großen Höhen aus Flugzeugtanks abgelassen wurde, Andere glauben, dass es sich um Rückstände versprühter und geheimer Chemtrails handeln könnte.

Verschwörungstheorie als Wissenschaft

Chemtrails gehören dabei in das Reich der Verschwörungstheoretiker. Derartige Theorien sind unbewiesen und machen keinen Sinn. Und auch um Fäkalien kann es sich nicht handeln. Aufgrund des Außendrucks fliegender Maschinen wäre eine Verkappung des Inhalts von Flugzeugtoiletten erst in geringeren Höhen möglich – aber dabei würden sich die Fäkalien in Eisklumpen umwandeln, die zu hagelähnlichen Geschossen werden. Aber vielleicht liegt der Ursprung ja auch ganz woanders?

Nur durch einen reinen Zufall, durch eine Indiskretion sozusagen, erfuhr der Sailor jetzt am Samstag, am Rande der Travemünder Woche, die ganze Wahrheit. Schauspieler Martin B., der aus Gründen eigener Existenzinteresses anonym bleiben möchte, plaudert bei einem Brausebrand seine Geschichte aus:

„Eigentlich war es ja die Schuld des Caterers, der während der Mittagspause seine Zeitung irgendwie herumliegen liess…“

Martin B. dreht gerade mit einer Fernsehproduktion an der Ostseeküste bei Sierksdorf an einer Romanverfilmung.

„Ich spiele da einen amerikanischen Oberst, der mit seiner Einheit in der Ostsee einen abgestürzten Bomber sucht, der noch eine Atombombe an Bord hat. Das ganze spielt in den siebziger Jahren. Jedenfalls las ich in meiner Mittagspause in einer Lokalzeitung über diese Leute und ihre Sorgen um diesen gelben Dreck. Wir scherzten herum, weil diese Leute ganz offensichtlich zu viel Freizeit und Fantasie haben.“

B. und zwei Komparsen, die hier auch nicht weiter erwähnt werden sollen, hatten einen Tag Drehfrei und wußten nicht, was zu tun.

„Nach Berlin zurück fahren lohnte sich nicht. Aber was sollten wir hier in der Provinz machen? In den Hansapark fahren? Dafür bin ich zu alt. Deshalb kam mir da eine Idee…“

B. erinnerte sich an ein Gespräch mit Kollegen, woran man als Schauspieler merken könnte, wie glaubwürdig man ´rüberkommt. Schliesslich spielt man, ob im Theater oder im Film, vor eingeweihtem Publikum. Da weiß ja jeder, dass man spielt und die folgende Jubelei basiert ja nicht selten auf Arschkriechereien.

„Deshalb kam mir DIE Idee. Wir hatten ja alles am Set, hätten eine halbe US-amerikanische Kompanie ausrüsten können. Ich fragte also meinen Aufnahmeleiter, ob er uns für den freien Drehtag drei Uniformen und einen Buick der Militärpolizei, komplett mit Blaulichtern, ausleihen könnte.“

Der wollte natürlich nicht sofort, konnte aber durch die Vermittlung bestimmter Naturalien und der Aussicht auf berufliche Vorteile („so läuft das eben“) überredet werden.

„Wir wollten einfach mal diese Lübecker Bürger mit dem Schmutzproblem besuchen und probieren, was geht.
Und tatsächlich machte sich B. mit zwei dieser besagten Mitstreiter auf den kurzen Weg von Ostholstein nach Lübeck-St.Jürgen.

„Ich als Oberst in vollem Ornat auf der Beifahrersitz, meine beiden Kumpel in MP-Uniform und behelmt, einer am Steuer, der andere im Fond. Für unseren Auftritt haben wir uns während der Fahrt eine besondere Choreo ausgedacht.“

Bestand nicht die Gefahr, erkannt zu werden?

„Natürlich! Darüber waren wir uns schon im klaren. Schliesslich bin ich ja kein Unbekannter. Die meisten Leute kennen zwar nicht meinen Namen, aber durch zahlreiche Rollen mein Gesicht. Aber da ich eigentlich ein Alleweltsgesicht habe, war ich guter Dinge. Schon auf der Fahrt zogen wir die Blicke auf uns; schliesslich sieht man ja nicht jeden Tag so einen amerikanischen Strassenkreuzer. Wir fürchteten eigentlich eher, damit aufzufallen. Die ganzen Sachen aus dem Verleih waren ja nicht unbedingt zeitgemäss. Heute ist die US-Army sicher mit anderen Sachen unterwegs. Trotzdem ging alles gut…“

In Lübeck angekommen kurvte die „Truppe“ erstmal ziemlich ziellos durch die Gegend, man machte sich aber schnell, sozusagen generalstabsmässig, kundig. Über Google Earth, undsoweiter. Und konnte den Bereich dann ziemlich schnell und genau eingrenzen. Um dann an den richtigen Haustüren zu klingeln.

„Die beiden Soldaten gingen immer voraus, grüßten militärisch und dann kam ich als Oberst. Ebenfalls schneidiger Gruß und dann in deutsch, mit starkem amerikanischen Akzent, der Vortrag: Wir wären beauftragt worden, von ganz oben natürlich, Proben des gelben Drecks sicherzustellen und auf direktem Wege nach Washington zu schicken. Das funktionierte natürlich und erzeugte Neugier und aufsehen. Man zog uns förmlich hinter das Haus und zeigte und bereitwillig Stellen, auf denen sich dieser vermeintliche Niederschlag abgelegt hat. Meine beiden Soldaten stellten dann, mittels altem Gras-Tütchen und Q-Tipps, einige Proben sicher. Und dann prasselten die Fragen nieder: Um was es sich denn handeln würde?! Naja, einige unserer Flugzeuge sind leider zu tief und die Chemikalien; aber darüber dürften wir ja eigentlich auf gar keinen Fall sprechen! Was dann für Empörung sorgte. Ich machte aber klar, dass eventuelle Nachteile von der Army gütlich entschädigt werden würden – was dann wiederum für Begeisterung sorgte.“

Ging es jetzt nicht etwas zu weit?

„Klar. Wir verzogen uns dann schnellstens. Du konntest bei den Leuten ja förmlich das Dollarzeichen in den Augen sehen, die wollten uns plötzlich zu sich ins Haus einladen, zu Kaffee und Kuchen, um die Formalitäten zu besprechen…“

Hätte das nicht für Ärger sorgen können?

„Also, solange wir keine Vorteile aus diesem Scherz ziehen würden, verbuche ich die Sache unter dem Motto Verstehen-Sie-Spass. Aber nach einer Vorteilsnahmen hätte sich die Geschichte sicher zu einem Vergehen entwickeln können. Aber deshalb haben wir ja auch den Kuchen abgelehnt… Jedenfalls war´s ein gelungener Nachmittag, der mir wieder viel Selbstbewusstsein im Umgang mit meiner Kunst gebracht hat. Und das es jetzt Leute gibt, die felsenfest an Chemtrails glauben… Daran glaubten die ja auch schon früher!“

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